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7 Denkanstöße – New Work und Office-Design in Zeiten von Corona und danach

Sabrina Voecks von JOI-Design.

Es gibt viele Dinge, die sich ändern werden in Zeiten nach Corona. Tatsächlich menschlich betrachtet viel Positives. Nicht zu vergessen sind die Auswirkungen auf unsere Umwelt.

Fast täglich wird in den Nachrichten und sozialen Netzwerken darüber berichtet, welche positiven Effekte der Lockdown für unsere Welt mit sich bringt – Azur blaues Wasser in den Kanälen von Venedig, nach Jahrzenten wieder ein uneingeschränkter Blick auf das Himalaja Gebirge, kein SMOG über Großstädten, um nur wenige zu nennen.

Wir haben in den letzten Wochen gelernt, dass Vor-Ort-Termine und Geschäftsreisen durch Online-Meetings und virtuelle Konferenzen in vielen Fällen nicht mehr nötig sind. Auch Worte wie Achtsamkeit, Home-Office und Work-Life-Balance haben einen ganz anderen Stellenwert erfahren.

Das wird zwangsläufig dazu führen, dass Unternehmen ihre Werte, ihre Philosophie und vor allem ihre Office-Strukturen vor Ort überdenken werden und nach geeigneten Anpassungen suchen. Gleichzeitig bedeutet das für uns als Gestalter von Innenräumen gewisse Veränderungen, denen wir mit guten Konzepten begegnen und entgegentreten müssen. Aber was heißt das genau? Noch bis Anfang des Jahres gab es häufig den Ansatz, möglichst offene Bürokonzepte zu erschaffen, um die Kommunikation der Mitarbeiter zu fördern und zusätzlich mit Shared-Desk-Bereichen die Effizienz der Arbeitsplätze zu erhöhen. Dieser Ansatz des Verdichtens wird sich sicherlich ins Gegenteil umwandeln. Wir bei JOI-Design erkennen zudem einen Wandel in den folgenden Bereichen.

1. Neue Aufteilung von Flächen

Flächen, die als Multispace-Bereiche für 4er bis 6er Arbeitsgruppen geplant wurden, müssen wir nun in erweiterte Abstandsflächen umgestalten. Ziel: 1,50 Meter Abstand in alle Richtungen – ergibt bei einer Standard Gebäudetiefe eine Einbuße von ca. 30-40 Prozent der Arbeitsplätze.

Keine Angst – das heißt nicht, dass aus dem Grund mehr Fläche von den Firmen angemietet oder benötigt werden. Home-Office hat sich nun in vielen Bereichen etabliert und bewährt und ist sicherlich für viele Firmen und Arbeitnehmer ein willkommenes Angebot, das die Not der Fläche aufhebt.

Dennoch ist es wichtig, zu verstehen, dass sich der Fokus des Office-Designs grundlegend verändern wird. Es dreht sich nicht mehr nur um Kollaboration und Sharing, sondern das jetzt gelernte Leben auf Abstand muss sich auf die Office-Welt übertragen, und das heißt auch, dass es sich im Design und im Aufbau des Büros widerspiegeln muss. Nicht nur, um die neuen Hygiene-Standards und Vorschriften zu etablieren, sondern auch, um das jetzt Gelernte anzuwenden.

Schon in den zuletzt angewandten New Work Konzepten wurde die Möglichkeit von privaten Rückzugsorten forciert (Think Tanks, Double Focus, Telephone Boxes…). Solche Orte werden in Zukunft stärker gebraucht werden, um auch das ‚distancing‘ physisch zu spüren – „Ein Raum für mich!“ Allerdings müssten diese Räume planerisch nicht in den Mittelzonen, sondern an der Fassade angeordnet werden, um hier auch die Möglichkeit des Lüftens zu gewährleisten.

Vielleicht ergibt sich auch eine neue Struktur aus ‚Schichtarbeit‘ in den eigentlichen Nine-to-Five-Jobs, so wie es zurzeit von vielen Firmen und auch JOI-Design gefahren wird. Wir haben unsere Mitarbeiter in verschiedene Gruppen eingeteilt, die ab jetzt nur noch an unterschiedlichen Tagen anwesend sind. Damit gewährleisten wir die 1,50 Meter Abstand in alle Richtungen, das gilt auch für die Mittagspause.

2. Etablierung von Laufwegen

Auch die Etablierung von Laufwegen bzw. Laufkonzepten in Fluren oder in den Multispace-Bereichen, so wie wir sie gerade im Einzelhandel erleben, werden in den Büroalltag einziehen. Designtechnisch sehr gut zu lösen durch visuelle Elemente. Beispielsweise durch den Einsatz von verschieden farbigen Teppichen, anderen Bodenbelägen und Wandfarben und -designs. Diese machen uns unterschwellig auf die Abstandsregelungen aufmerksam und grenzen unterschiedliche Bereiche noch stärker voneinander ab.

3. Anpassungen von Möbeln/Ausstattung

Denkbar wäre auch, dass man mit multifunktionalen und beweglichen Möbel- sowie Techniksystemen die Vergrößerung von Abständen zwischen Sitzplätzen und Arbeitsbereichen ermöglicht. Das hat zudem den Vorteil, dass sich das Büro durchgehend speziellen Anforderungen oder Gegebenheiten anpassen kann.

         

Gleichzeitig wird man in der Zukunft noch stärker darauf achten müssen, dass man als Innenarchitekt und Designer Möbelvarianten wählt, die gut zu säubern sind und mehr Natürlichkeit ausstrahlen. Zusätzlich muss die, derzeitig als akustische Maßnahmen verwendete, dritte Ebene (Sichtschutz zu meinem Gegenüber) in die Höhe wachsen, so dass sie nun als ein direkter Spuckschutz fungieren.

Im Sanitärbereich und auch in den öffentlichen Flächen werden berührungslose Systeme, die mit Sensortechnik funktionieren, stärker nachgefragt werden. Nicht nur bei Wasserhähnen und Seifenspendern, sondern auch bei Türöffnungssystemen, Vereinzelungsanlagen, Fahrstühlen u. ä.

4. Konferenzbereich als menschliche Austauschplattform

Der hohe Bedarf an Meeting und Konferenzflächen wird in den kommenden Konzepten ein wachsender Faktor bleiben. Diese Bereiche sind essenziell. Zum einen, um die persönliche Beziehung und das Vertrauen der Mitarbeiter untereinander zu stärken und zum anderen, um Kunden/Mandanten das gewisse Maß an Intimität bei vertraulichen Gesprächen zu ermöglichen. Der Meetingraum wird die menschliche Austauschplattform werden und eine Balance zu den virtuellen Besprechungs- und Kollaborationsplattformen schaffen.

Daher bezweifeln wir, dass diese Räume noch mehr Hightech erleben werden – sondern, dass diese Räume noch wohnlicher und vertrauenserweckend gestaltet sein müssen, um diese menschliche und auch persönliche Komponente weiter zu transportieren. Im Optimalfall sind hier dann noch Voice Control for no touch Elemente intelligent und unsichtbar integriert.

5. Entwicklung von neuen Designelementen

Wir sollten uns als Designer in Zukunft darauf einstellen, dass wir neue Designs für sicherheitsrelevante und gesundheitsfördernde Maßnahmen entwickeln. Der Niesschutz hat sich im Einzelhandel beispielsweise vollständig etabliert, warum sollte man im Büro nicht auch seine Mitarbeiter am Empfang stärker schützen?

6. Coworking auch in Zukunft

Wir glauben, dass dieses Segment umso mehr von Unternehmen als flexible Ausweichfläche genutzt werden wird. Vielleicht sogar stärker als bisher. Sicherlich gelten auch für diese Flächen dann die neuen Hygiene-Standards und Vorschriften. Aber der Bedarf an Coworking für die kleinen oder großen Firmen, so wie die Selbstständigen ist weiterhin steigend.

Sicherlich ist der bis zu 3-fache Wechsel eines Mitarbeiters täglich an einem Shared-Desk aus hygienischen Gründen so nicht mehr umsetzbar. Abhilfe könnten aber Schreibtischunterlagen aus Papier schaffen, die sich Teammitglieder an einem speziellen Ort/Spender holen, um möglichst wenig Flächen berühren zu müssen.

7. Umgestaltung der Food-Courts/Kantinen/Coffee- & Snackpoints

Nicht nur der eigentliche Büroalltag wird sich mit den Auswirkungen von COVID-19 verändern, sondern auch unser Verhalten in den Pausen. Dafür müssen wir diese Bereiche neu denken, um durch das Design die sicherheitsrelevanten und gesundheitsfördernden Maßnahmen auch dort zu unterstützen und zu fokussieren. Beispielsweise erneut durch stilsichere Raumteiler, die nicht nur eine optische Begrenzung und Komponente erfüllen, sondern auch als ‚Spuck- und Niesschutz‘ geeignet sind. Zusätzlich müssen Laufweg-Konzepte in das Design einfließen.

Mit diesen möglichen Veränderungen wird das ‚distancing‘ auch vollständig in unseren Arbeits- und Büroalltag vor Ort einziehen. Ein langsames Zurückkehren zu den Arbeitsplätzen ist ein wichtiger Bestandteil, um die Wirtschaftlichkeit von Unternehmen wiederherzustellen.

Trotzdem sind wir bei JOI-Design der Meinung, dass es die menschlichen Kontakte sind, die uns aus machen und unseren Beruf zu etwas Besonderem werden lassen. Wir entwerfen als Menschen für Menschen, schaffen Lebensräume und reagieren auf stetig wechselnde und sich neu orientierende Wünsche und Anforderungen aus unserer Gesellschaft.

Wir haben die Auswirkungen von COVID-19 für uns als Innenarchitekten erkannt und denken Designs neu – damit wir zur Entwicklung der Branche beitragen. Wir entwickeln jetzt Konzepte und gestalten Räume neu, die den neuen Herausforderungen unserer Gesellschaft mit Kreativität und Vielfalt entgegentreten und nicht nur stupide die Hygiene-Standards beinhalten.

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