JOI-Design_Innenarchitektur_Interior Design_170130_JC_Signet_Web

Der globale Hausarrest

Zum wiederholten Male habe ich gerade in den sozialen Medien gelesen: „Es fühlt sich an, als ob die Erde uns alle nach Hause schickt, um zu überlegen, was wir getan haben.“ Da ist schon etwas dran, und ich glaube auch, dass dies alles einen Sinn hat, was gerade mit uns passiert.

Ich habe das Gefühl, dass ein Großteil der Welt gerade mal eine Yogapause einlegt und sich bewusst macht, was ist und was war. Als Yogi weiß ich, wie wichtig es ist, mal aus unserer ‚Blase‘ herauszutreten, die uns belegt, weil wir nur an das denken, was noch alles kommt, und was wir vorbereiten müssen. Es tut gut, stattdessen mal nur die Gegenwart, das ‚hier und jetzt‘ wahrzunehmen.

Wir haben nun allen verordneten Hausarrest, räumen plötzlich auf, sortieren aus – und sortieren auch unsere Gedanken. Man kommt auf einmal zu dem, was man schon immer mal wollte, ‚wenn man mal Zeit dazu hat‘. Diese Zeit hat das Hamsterrad aber vorher nie bereitgehalten.

Wir alle sprachen doch in den letzten Jahren oft darüber, dass die Zeit für uns das größte Gut geworden ist, weil sie uns in der immer schneller werdenden Welt zusehends abhandengekommen ist:

Zeit, um mal durchzuatmen. Zeit, um sich mal wieder mit der Familie zu beschäftigen. Zeit, um sich zurückzulehnen und etwas aufzuschreiben, wie ich es gerade tue. Gleich zwei Team-Mitglieder von uns sprachen uns letztes Jahr darauf an, dass sie dieses Jahr gerne mal unbezahlten Urlaub nehmen würden: Die eine, um sich mal ungestört mit den Kindern zu beschäftigen – und die andere, um mal mit ihrer Mutter ausgedehnt in Urlaub zu fahren.

Beide haben die Erfüllung dieses Wunsches nun quasi bereits ‚geschenkt‘ bekommen mit dem jetzigen Lockdown, denn zumindest bei der einen Kollegin ist durch die Sperrung der Schulen und das vernünftigere Arbeiten im Homeoffice jetzt plötzlich automatisch viel Zeit, um diese auch mit den Kindern zu verbringen.

Ich glaube, die Situation, in der wir stecken, hat also auch einiges Gutes bewirkt – schon jetzt kann man es spüren!

Gestern, als ich auf dem Weg zum Supermarkt ein paar Flaschen in den Glas Container warf, da sagte die Frau, die auf Abstand neben mir stand, auf einmal „Guten Morgen“ und lächelte mich an. Das ist mir schon lange nicht mehr passiert: Ein wildfremder Mensch grüßt mich einfach auf der Straße. Ich hatte jedenfalls noch langanhaltend durch den Tag hinweg davon selbst ein Lächeln auf den Lippen 😉

Neben chinesischen Millionen-Metropolen, die plötzlich wieder den Himmel ohne Smog über sich erkennen können und neben dem klaren Wasser in Venedig haben wir Menschen also wohl auch schon eine kleine Wandlung durchgemacht. All das, was seit ein paar Jahren wieder gepredigt wurde: Man solle achtsamer sein, und an den Schulen solle das Fach ‚Empathie‘ gelehrt werden, weil wir von allem sonst zu viel haben – all das scheint jetzt auf einmal von selbst zu passieren. Die Menschen achten mehr auf sich und ihre Angehörigen, sie machen sich sogar stark für die, denen es schlechter geht und freuen sich wieder über die kleinen Dinge des Alltags.

Dies gibt mir Hoffnung, denn wir befinden uns in der schlimmsten Wirtschaftskrise seit der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg: Damals wurden Firmen, Produktionsstätten, Büros, Haushalte, Geschäfte, Restaurants, Hotels, Kultureinrichtungen oder Sportstätten auf einmal zerbombt, lagen brach und mussten wieder aufgebaut werden. Heute haben wir uns dies selbst verordnet: Wir haben sie einfach alle lahmgelegt und das innerhalb von nur in ein paar Wochen.

Noch kämpfen wir gegen das Virus an, begeben uns in Selbstisolation. Und wenn der Spuk vorbei ist, dann geht es um den Wiederaufbau, denn die Wirtschaft ist am Boden.

Die Natur freut sich hingegen, denn das wäre sonst niemals passiert: Das hätten wir zu keiner Zeit mit vereinten Kräften geschafft.

Ein positives Fazit, das wir daraus ziehen können, könnte sein, dass wir uns in der Zukunft, wenn wir dies alles überlebt haben, vielleicht jedes Jahr für kurze Zeit solch einen Shutdown auferlegen, damit die Erde immer wieder zwischendurch mal durchatmen kann (und wir auch) – so, wie wir dies mit unserem menschlichen Körper mit einer Detox-Kur auch immer wieder tun. Der Unterschied zur jetzigen Situation wäre allerdings, dass diese globale Entgiftungskur ganz klar wirtschaftlich geplant und vorbereitet sein würde. Ich bin mir sicher, dass das ginge, wenn wir da einen klaren Plan aufstellen würden, an den sich alle halten! So, wie jetzt ja auch….

Kommen wir aber zurück zum Überleben und zur Lage, denn die ist dramatisch, und da dürfen wir uns nichts vormachen: Die Hospitality Branche in unserem Falle – als Innenarchitekten, die wir uns auf die Gestaltung von Lebensräumen in diesen Hotels spezialisiert haben, leidet wie zuvor noch nicht dagewesen. ‚Unsere‘ Hotels sind zurzeit geschlossen – auf bisher noch unabsehbare Zeit. Und da wir alle leider aber auch nicht wissen, wie lange diese Lahmlegung noch andauert, haben wir uns schweren Herzens in der vergangenen Woche aus Verantwortung für unser gesamtes Büro dazu entschlossen, uns auch dementsprechend herunterzufahren und zu verschlanken und ab Mai dann nur noch mit einem ‚harten Kern‘ an den laufenden Konzepten zu arbeiten, denn langfristig geplante Investitionen und Neubauprojekte mit großem Vorlauf laufen ja zum Glück noch. Wir arbeiten an diesen wenigen Konzepten also mit genauso viel Herzblut weiter, bis diese Ausnahmesituation vorbei ist, um dann aber noch da zu sein, wenn der Rest der wirtschaftlichen Welt wieder zum Leben erweckt wird und es langsam wieder anzieht und wir mit vollem Team und voller Kraft dann hoffentlich auch irgendwann wieder gemeinsam für einen Aufschwung sorgen können, den es sicher dann auch irgendwann wieder geben muss, da bin ich mir als Optimist und als Yogi ganz sicher 🙂

In diesem Sinne: Auf ein baldiges Ende dieser Krise, auf mehr Gesundungen als Erkrankungen, und dass wir die neuen Pläne dann bald angehen können!

Ich schließe mit den Worten, die auch eine ganz neue Bedeutung erhalten haben, weil wir es plötzlich wirklich meinen: Bleiben Sie gesund!

Hamburg, 25. März 2020

Share